Was ist eigentlich… LSD (Lysergsäurediethylamid)?

 

Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, ist chemisch gesehen ein synthetisches Derivat der Lysergsäure, einem Alkaloid, das in dem Schlauchpilz Claviceps purpurea (Mutterkorn) vorkommt. Dieser Pilz wächst aus den Ähren von Getreide heraus und ist für Mensch und Tier giftig.

Im Mittelalter kam es bei der ärmeren Bevölkerung immer wieder zu Mutterkornvergiftungen, denn sie aßen oft billiges Brot, das aus ungereinigtem Korn hergestellt wurde und gemahlenes Mutterkorn enthalten konnte [1]. Präparate aus Mutterkorn wurde aber auch seit dem Mittelalter für medizinische Anwendungen eingesetzt. Zum Beispiel nutzten Hebammen es als wehentreibendes Mittel.

Element von „Love and Peace”

In den 1960er Jahren wurde LSD zu einem wichtigen Bestandteil der Hippie-Kultur, der in den USA entstandenen Jugendbewegung, die sich unter dem Einfluss des Vietnamkrieges für Frieden und ein friedliches Miteinander einsetzte. Das Musical Hair aus dem Jahre 1968 verkörperte das Lebensgefühl dieser Bewegung.

LSD wurde als Mittel zur Erweiterung des Bewusstseins und zur spirituellen Erleuchtung angesehen. Als einer der bekanntesten Fürsprecher des LSD-Konsums galt der amerikanische Psychologe Timothy Leary, der sich für den freien Zugang der Allgemeinheit zu LSD und anderer bewusstseinserweiternder Drogen einsetzte. Er glaubte, dass sich durch LSD das menschliche Denken und Verhalten neu „programmieren“ lasse, wodurch sich höhere Bewusstseinsstufen erreichen lassen, die im „normalen“ Gehirn inaktiv seien [2].

Der Anfang des Musicals Hair:

Wirkung von LSD

LSD ist eines der stärksten bekannten Halluzinogene, das bereits in sehr geringen Mengen (im Mikrogrammbereich) eine starke Wirkung zeigt. Sie greifen in die Wirkweise der körpereigenen Neurotransmitter (Dopamin, Noradrenalin, Serotonin, Adrenalin) im Gehirn ein. „Am bekanntesten sind die optischen und akustischen Halluzinationen durch LSD: Farben und Töne werden beispielsweise intensiver wahrgenommen, Gegenstände scheinen sich zu verformen oder zu verändern“, ist auf der Webseite www.dasgehirn.info zu lesen. „Es können auch Synästhesien entstehen, also die Vermischung von Sinneseindrücken – wie etwa Farben zu hören oder Töne zu riechen. Die Tendenz zur Selbstwahrnehmung wird gesteigert, und das Selbst– sowie das Zeitgefühl verändern sich. Es kommt zu einem Zustand des Halbschlafs, bei dem Träume und Illusionen als real empfunden werden und zu scheinbar ungewöhnlichen Zusammenhängen führen“ [3].

Ob die Halluzinationen als bewusstseinserweiternd oder als bedrohlich empfunden werden, ist von der persönlichen Verfassung abhängig. Auch wenn LSD als nicht abhängig machend gilt, ist es nicht ungefährlich, weil es zu Panikattacken oder psychotischen Zuständen führen kann.


Exkurs: Das Woodstock-Festival

Zum Mythos von LSD als bewusstseinserweiternder Droge trug auch das sagenumwobene Woodstock-Festival bei, das im August 1969 gar nicht in Woodstock, sondern rund 75 km davon entfernt nahe des Städtchens Bethel im US-Bundesstaat New York stattfand. Es ging trotz chaotischer Organisation und zahlreicher Pannen als einer der Höhepunkte der Hippie-Bewegung in die Geschichte ein [4].

„Speziell die zum Mythos erhobene Friedfertigkeit der halben Million Hippies war offenbar der reibungslosen Versorgung mit bewusstseinsvernebelnden Substanzen zu verdanken“, heißt es in einem der zahlreichen Berichte [5], denn den in der Organisation von Festivals unerfahrenen Veranstaltern wuchs das Event vollkommen über den Kopf. Da zahlreiche friedensbewegte Musikfreunde schon anreisten, bevor das Gelände eingezäunt und Kassenhäuschen aufgebaut werden konnten, war an eine geordnete Einlasskontrolle nicht zu denken.

Die Menschen strömten mit oder ohne Ticket in Massen aufs Festivalgelände. Die Teilnahme von geschätzt fast 500.000 Menschen führte zu einem Verkehrschaos, weil die Zufahrstraßen mit parkenden Autos verstopft waren. Dadurch war nicht nur die Anlieferung mit Lebensmitteln, sondern auch die Anfahrt der Musiker blockiert. Die Reihenfolge der auftretenden Künstler wurde daraufhin pragmatisch gehandhabt – es trat auf, wer anwesend und nicht allzu bekifft war.

Immer wieder einsetzende Wolkenbrüche verwandelten das matschige Festivalgelände in eine „gigantische Fangopackung“ [5]. Die nicht ganz zuverlässige Stromversorgung setzte in Kombination mit den Regenfällen zeitweise die Bühne und die elektrischen Gitarren unter Strom, so dass die betroffenen Künstler „verständlicherweise nur sehr zögerlich in die Saiten griffen“ [5], wodurch die Performance einiger Bands doch deutlich litt. Kein Wunder also, dass die Teilnehmenden, ob Besucher oder Künstler, dies alles nur in benebeltem Zustand hin nahmen.

Legendär: Jimi Hendix‘ Version der amerikanischen Nationalhymne

Als Meilenstein der Rockgeschichte gilt die Version der amerikanischen Nationalhymne, die Jimi Hendrix am Ende des dreitägigen Festivals spielte. Zwischen den bekannten Klängen der Hymne erzeugter er mit seiner Gitarre Töne, die an Sirenengeheul und Geschützdonner erinnerten. Selten wurden die Kritik und der Schmerz über das Sterben im Vietnamkrieg eindringlicher dargeboten.

Video: Jimi Hendix beim Woodstock-Festival 1969


Erster LSD-Konsument der Geschichte: ein Chemiker

Zurück zum LSD: Die bedeutendste Person in Verbindung mit LSD ist kein friedensbewegter Künstler, sondern ein braver Chemiker. Als „Erfinder“ des LSD gilt der Schweitzer Albert Hofmann (1906 – 2008), der sein ganzes Berufsleben beim Chemiekonzern Sandoz (heute Teil des Biotechnologie- und Pharmaunternehmens Novartis) in Basel tätig war.

Er forschte in den 1930er Jahren an verschiedenen Derivaten der Lysergsäure. Ziel war die Entwicklung von Medikamenten. Eines der Präparate, das Diethylamid der Lysergsäure, enthielt den Namen LSD-25. Es blieb zunächst fünf Jahre unbeachtet liegen, denn die Hoffnungen, es als Kreislaufstimulanz einsetzen zu können, erfüllten sich nicht. Dann, im Jahr 1943 jedoch beschäftigte Hofmann sich erneut mit der Substanz und bemerkte bei sich selbst eine halluzinogene Wirkung, die für mehrere Stunden anhielt. Er selbst äußerte später die Vermutung, dass er beim unsauberen Experimentieren wohl etwas LSD-25 aufgenommen habe [6,7].

Folgenreicher Selbstversuch

Um der Sache auf den Grund zu gehen, unternahm er einen Selbstversuch und nahm ein wenig (nur 0,25 Milligramm) der Substanz in Wasser aufgelöst ein. Damit erlebte er den mutmaßlich ersten LSD-Rausch in der Geschichte. Die, wie man heute weiß, viel zu hohe Dosis bescherte ihm einen Höllentrip, den er unter anderem mit folgenden Worten beschrieb:

„Schwindel und Ohnmachtsgefühl [waren] zeitweise so stark, dass ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte und mich auf ein Sofa hinlegen musste. Meine Umgebung hatte sich nun in beängstigender Weise verwandelt. […] die vertrauten Gegenstände nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Sie waren in dauernder Bewegung, wie belebt, wie von innerer Unruhe erfüllt. Die Nachbarsfrau […] war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze.“ [8].

Erst nach mehreren Stunden war ein Teil des LSDs in seinem Körper soweit abgebaut, dass er die angenehmen Halluzinationen erlebte, die mit dem Konsum von LSD in Verbindung gebracht werden.

„Jetzt begann ich allmählich, das unerhörte Farben- und Formenspiel zu geniessen, das hinter meinen geschlossenen Augen andauerte. Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schliessend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss. Besonders merkwürdig war, wie alle akustischen Wahrnehmungen, etwa das Geräusch einer Türklinke oder eines vorbeifahrenden Autos, sich in optische Empfindungen verwandelten. Jeder Laut erzeugte ein in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild“ [8].

Kurze Karriere als Medikament

Weil die Wirkung von LSD-Überdosierungen häufig den Beschreibungen von Patienten mit psychischen Problemen ähnelte, forschten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Folgejahren intensiv an LSD und verwandten Verbindungen. Ziel war es, Medikamente gegen Psychosen und andere psychische Krankheiten zu entwickeln.

Der Arbeitgeber von Albert Hofmann, die Firma Sandoz, brachte LSD-25 im Jahr 1949 unter dem Markennamen „Delysid“ in den Handel. Eingesetzt wurde es zur Behandlung von Traumata, Angstzuständen und Depressionen. Darüber hinaus sollte es Ärzten durch Selbstversuch einen Einblick in die Gefühlswelt ihrer Patienten mit psychischen Krankheiten geben [9]. Allerdings konnte es die Erwartungen nicht ausreichend erfüllen.

Darüber hinaus war LSD zu einer Modedroge der Hippie-Szene geworden. Auch viele Künstler und andere Kreative experimentierten mit LSD, nicht immer erfolgreich. Der zunehmende Missbrauch von LSD und verwandter Substanzen führte immer wieder zu schwerwiegenden Folgen, wie Psychosen, schweren Depressionen und in Folge dessen auch zu Suiziden. In den 1960er Jahren wurde LSD in den USA und bald darauf auch in Deutschland verboten. Auch die Forschung an LSD-haltigen Medikamenten wurde weitgehend eingestellt [10].

Noch immer wichtig für Forschung und Medizin: Lysergsäurederivate

Bis dahin aber hatten die Forschungen an verschiedenen Derivaten der Lysergsäure eine große Bandbreite von Medikamenten hervorgebracht. Dazu gehören nicht nur Medikamenten zur Behandlung von psychischen Krankheiten, sondern auch andere Indikationen wie Migräne, Parkinson oder Nachgeburtsblutungen. Der Wirkstoff Methylergometrin (Handelsname Methergin), der in der Geburtshilfe gegen starke Blutungen eingesetzt wird, steht noch heute auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation (WHO Model List of Essential Medicines).

Die Forschungsergebnisse trugen auch zu der Erkenntnis bei, dass psychische Krankheiten z.B. Schizophrenie durch ähnliche körpereigene Stoffe wie Lysergsäurederivate ausgelöst werden. Daraus ergaben sich Behandlungsmöglichkeiten für diese Krankheiten [11].

Heute wieder als Medikament interessant?

Heute wird wieder an LSD und verschiedenen LSD-Derivaten geforscht. Medizinerinnen und Mediziner wollen damit Menschen mit schweren Depressionen oder erlittenen Traumata helfen, bei denen andere Therapien nicht die gewünschte Linderung bringen.

Dabei muss der Einsatz von Psychedelika sorgfältig abgewogen und geplant werden, denn harmlos ist der Konsum nicht. „Psychedelika sind keine Gummibärchen“, betont Dr. Andrea Jungaberle, die seit vielen Jahren zum medizinischen Einsatz von Physchedelika forscht, in der Dokumentation „Das LSD-Comeback“ [12]. Sie erläutert, dass es immer eine wenn auch kleine Anzahl von Menschen gibt, die nach unkontrollierten, unvorbereiteten und ungestalteten Erfahrungen mit den Substanzen psychotisch werden oder ein Trauma entwickeln, weil das, was sie während des Trips erlebt haben, von ihrem Gehirn nicht verarbeitet werden kann.

Albert Hofmann übrigens hat den mutmaßlich ersten LSD-Trip der Geschichte gut überstanden. Noch mit 100 Jahren hielt er auf einer Veranstaltung eine Rede und wurde mit standing ovations gefeiert [13]. Er starb im April 2008 im Alter von 102 Jahren.

Dr. Karin J. Schmitz

Leiterin GDCh-Öffentlichkeitsarbeit


In unserer Rubrik „Chemie überall“ geht es um chemische Verbindungen oder chemische Verfahren, die wir im Alltag nutzen oder um Substanzen, die immer mal wieder in den Schlagzeilen sind. Die Beiträge in leicht verständlicher Form sind von Chemikerinnen und Chemikern geschrieben. Alle Beiträge der Reihe: https://faszinationchemie.de/chemie-ueberall

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