Yasmin Fahimi: eine Chemikerin als Gewerkschafterin

 

 

 

Yasmin Fahimi: eine Chemikerin als Gewerkschafterin

Eine Chemikerin an der Spitze der Gewerkschaften: Yasmin Fahimi ist eine der wenigen Spitzenfunktionärinnen in Deutschland mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund.
 
Anders als viele Gewerkschaftsvertreter stammt sie nicht aus der klassischen Arbeits- oder Rechtswissenschaft, sondern ist Diplom-Chemikerin und kennt die Chemieindustrie aus ihrer langjährigen Tätigkeit bei der IGBCE. Daher sind ihr nicht nur Themen wie die klassische Tarifpolitik wichtig, sondern auch industrielle Wertschöpfung, Energieversorgung und die Transformation der Industrie.

Chemiestudium in Hannover

Yasmin Fahimi studierte von 1989 bis 1998 Chemie an der Leibniz-Universität in Hannover. Chemie prägt bis heute ihr Denken und chemisches Denken prägt ihre Politik: Im Porträt schildert Fahimi, dass sie ursprünglich promovieren wollte. Der Wechsel zur Gewerkschaft war zunächst eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Entscheidend sei gewesen, dass ihr dort erstmals jemand echtes Potenzial attestierte. „Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine umfassende Reflexion meiner Person bekommen habe.“

Ihr Vater war iranischer Chemiker. Er starb vor ihrer Geburt (1967 in Hannover) bei einem Verkehrsunfall. Ihre Mutter, Sozialpädagogin, zog Yasmin Fahimi und ihren Bruder allein groß. „Ich habe eine insofern außergewöhnliche Situation, als dass meine Mutter mit zwei Kindern eine echt alleinerziehende Frau war und schauen musste, wie sie sich gesellschaftlich überhaupt etablieren und durchsetzen kann, wie sie finanziell über die Runden kommt. Und dabei hat sie ihre zwei Kinder mit ausreichend Aufmerksamkeit und Selbstbewusstsein versorgt, so dass sie ihren eigenen Weg gehen können. Dafür bin ich meiner Mutter bis heute sehr dankbar.“

Mit ihrer Wahl im Jahr 2022 schrieb Yasmin Fahimi Geschichte als erste Frau an der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Sie führt heute einen Dachverband mit rund sechs Millionen Mitgliedern und wurde im Mai 2026 mit überwältigender Mehrheit in ihrem Amt bestätigt. Sie verbindet als Netzwerkerin und Brückenbauerin Perspektiven von Industrie, Politik und Gewerkschaften und wirbt für eine sozial abgesicherte Transformation, die Klimaziele und industrielle Stärke miteinander verbinden soll.

Chemie war ihre Leidenschaft – Politik ihre Berufung

Fahimi macht im Gespräch deutlich, dass sie nie zwischen Naturwissenschaft und Politik wählen wollte. „Ich hatte aus meiner Sicht immer zwei Interessensgebiete. Das eine war schon in meiner Jugend mein politisches Engagement. Und das andere war ein ausgewiesenes naturwissenschaftliches Interesse. Ich habe über einen langen Zeitraum versucht, beides zu machen: Chemie zu studieren und die politische ehrenamtliche Arbeit aufrechtzuerhalten. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man sich entscheiden muss.“

Erst wirtschaftliche Zwänge führten letztlich dazu, dass sie nicht promovierte und schließlich den Weg in die Gewerkschaft einschlug. „Zu meiner Zeit war es so, dass man nicht ohne weiteres einen studentischen Hilfsjob bekam. Als wissenschaftliche Assistentin konnte man das an den Universitäten vergessen. Man konnte froh sein, wenn der Professor einem zur Promotion überhaupt eine Studienaufgabe gab. In dieser Ungewissheit konnte ich aber nicht weiterarbeiten. Meine Familie und ich standen am Ende meines Studiums auch am Ende der finanziellen Möglichkeiten. Und deswegen war es eine ökonomische Entscheidung, sich nach einer bezahlten Berufstätigkeit umzuschauen.“

Zunächst übernahm sie die Stelle einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin bei der Stiftung Arbeit und Umwelt, einer Stiftung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Ihre Idee, dort politisches und naturwissenschaftliches Interesse miteinander zu verbinden funktionierte allerdings nicht wie gewünscht. Nach einer Reihe von Bewerbungen wurde ihr eine Stelle zur Promotion im Veterinäruntersuchungsamt NRW in Detmold angeboten. „Das war für mich damals viel wert, eine halbe Stelle im öffentlichen Dienst zu bekommen und meine Promotion nebenbei in einer geordneten Struktur machen zu können“, erinnert sich die DGB-Vorsitzende.

Wertschätzung war prägender Impuls

Doch dann meldete sich die IGBCE. „Parallel ist die Gewerkschaft auf mich aufmerksam geworden. Nach einem Assessment Center erhielt ich das Feedback, es wäre doch alles ganz interessant, was ich mir so vorstelle, aber es wäre doch offensichtlich, dass ich Politik machen müsste. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine wirklich umfassende Reflexion meiner Person bekommen habe. Und eine Bewertung und Wertschätzung auch dessen, was ich bin, was ich kann und was meine Perspektive sein könnte.“ 

„Alles vorher waren Prüfungen. An der Universität gab es ja kein Feedback dazu, in welche Richtung man sich denn vielleicht perspektivisch entwickeln könnte. So war die Kultur, so war der Umgang von Professoren zu Studierenden. Wenig wertschätzend und schon gar nicht so, dass man überhaupt gesehen wird als Mensch. Man war immer nur ein geprüftes Wesen. Daher hat mich das Feedback meines dann zukünftigen Arbeitgebers so beeindruckt, dass ich gesagt habe, ja Mensch, vielleicht ist das richtig, was die Dir da gespiegelt haben. Daher fing ich bei der Gewerkschaft an als Gewerkschaftssekretärin.“

Von der Gewerkschaft in die Bundespolitik und wieder zurück

Bei der IGBCE war sie bis 2014 aktiv, dann wurde sie SPD-Generalsekretärin, war Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales und saß von 2017 bis 2022 als direkt gewählte Abgeordnete im Bundestag. Seit 2022 prägt sie als Vorsitzende den DGB.

Einen normalen Arbeitsalltag kennt die 58-jährige nicht. Als Netzwerkerin ist sie im ständigen Austausch mit der Arbeitgeberseite, mit Sozialverbänden, Umweltverbänden und der Zivilgesellschaft. Sie sieht sich in ihrer Gewerkschaftsarbeit als eine Stimme der Beschäftigten in Deutschland, diese in besonderem Maße auch gegenüber der Politik zu vertreten und in Verhandlungen zu treten, für alle arbeitsrechtlichen, alle sozialrechtlichen Fragen, aber auch Familienpolitik, Gleichstellungspolitik und nicht zuletzt Wirtschafts- und Industriepolitik. „Ich sehe als meine Hauptaufgabe, mich insgesamt in der Politik einzusetzen, dass wir die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben und eine gute Arbeit der Menschen in diesem Land verbessern, dass wir sie zukunftsfähig machen.“

Bei diesem umfangreichen Arbeitspensum bleibt naturgemäß wenig Freizeit, die Yasmin Fahimi aber nutzt, um zwischendurch abzuschalten. „Für mich besteht Entspannung darin, mir schöne Urlaubsreisen zu ermöglichen und meinem Hobby der Fotografie nachzugehen. Ansonsten bin ich froh, wenn ich einfach zu Hause auf meinem Balkon bei schönem Wetter sitzen und ein gutes Buch lesen kann.“

Chemieindustrie ist systemrelevant

Für ihre zweite Amtszeit als DGB-Vorsitzende fordert sie eine aktive Industriepolitik, mehr Investitionen, Ansiedlung neuer Industrien, mehr europäische Kooperation. Die Bundesregierung diskutiere aus ihrer Sicht zu stark über Sozialkürzungen und zu wenig über Wachstum. „Ich erwarte von dieser Bundesregierung, dass sie ins Zentrum ihrer Politik eine Wachstumsagenda stellt. Ich möchte, dass wir über eine Wachstumsagenda reden. Welche Art von Joint Ventures brauchen wir in Europa, damit Großinvestoren nicht einfach nur unsere Industrien aufkaufen? Welche Importbegrenzungen brauchen wir für strategische Produkte, um die Brücke zu bauen in die Zukunft? Welche Erleichterung und Ansiedlungsförderung brauchen wir für neue, innovative Industriesektoren?“

Die Chemieindustrie liegt ihr dabei besonders am Herzen. Sie nennt vier Gründe, warum Deutschland die Chemieindustrie erhalten muss: industrielle Wertschöpfung, technologische Souveränität, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit. Sie warnt davor, Verbundstandorte zu verlieren, sich von China abhängig zu machen, die Energiepreise weiter steigen zu lassen.

„Die Chemie ist die Mutter aller Industrien“

Sie sagt: „Was mir wirklich Sorge macht ist, dass es ein zu geringes Bewusstsein in der Öffentlichkeit gibt, wie fundamental die Chemieindustrie auch für unsere europäische Unabhängigkeit ist. Die Automobilindustrie in Deutschland ist eine Leitindustrie, das weiß jeder, weil jeder das Produkt kennt. Das ist in der Chemie nicht so. Dass die Chemie aber quasi als Mutter aller Industrien das Fundament industrieller Wertschöpfung ist, haben die wenigsten auf dem Schirm. Und wenn uns dieser Vorbau unserer wertvollen Industrie-Wertschöpfungsketten abhandenkommt und wir nur noch allenfalls Spezialchemie in Deutschland herstellen würden, dann würden wir über einen relativ kurzen Zeitraum in weitere dramatische Abhängigkeiten geraten.“

Ein Element symbolisiert ihre Denkweise

Kommen wir noch einmal zurück zum Chemiestudium. Auch wenn sie selbst nicht als Chemikerin arbeitet, hilft ihr das Chemiestudium bis heute im Berufsalltag. Da wird Yasmin Fahimi sogar philosophisch: „Chemie vermittelt systemisches und analytisches Denken, schult Durchhaltevermögen und lehrt den Umgang mit Komplexität. Sie vermittelt ein Verständnis von Gesetzgebung und Zusammenhängen, die ich bis heute gut gebrauchen kann. Chemie ist auch das Nachgehen von Phänomenen, die sehr komplexe Wirkmechanismen miteinander haben. Insofern ist es spannend, zu verstehen, was die Welt im Inneren zusammenhält, aber auch, was sie auseinandersprengen kann. Und das ist gewissermaßen der philosophische Ansatz, was die Chemie mit der Politik und Gesellschaft zu tun hat.“

Sie wirbt daher ausdrücklich für mehr Frauen in MINT-Fächern. „Die Chemie ist ein spannender und vielfältiger Fachbereich. Bevor ich das Chemiestudium aufgenommen habe, hatte ich zunächst angefangen Elektrotechnik zu studieren. Das war für mich keine gute Entscheidung. Und dann saß ich irgendwann in einer Vorlesung über Grundlagen anorganischer Chemie im schönen alten Traditionshörsaal in der Callinstraße in Hannover. Da war mir klar, das ist es, was du eigentlich willst. Daher mein Rat: Geht euren echten Interessen nach.“

Auf die Frage nach ihrem Lieblingselement entscheidet sie sich für Kohlenstoff. Das wirkt fast wie ein Leitbild ihrer politischen Arbeit: Nicht Einzelteile betrachten, sondern Strukturen und Zusammenhänge verstehen. „Mich fasziniert, dass nicht nur die Elemente eines Moleküls relevant sind, sondern auch deren innerer Aufbau. Die Struktur macht das Material. Und das Element, das am sinnbildlichsten dafür steht, ist der Kohlenstoff. Hart wie ein Diamant oder Feinstaub auf dem Papier. Aber auch ein Grundstein des Lebens. Es ist ein einfaches und faszinierendes Element, gerade was die Bedeutung des Strukturellen anbelangt. Das zieht sich irgendwie auch durch mein Leben.“ Insofern passt Kohlenstoff sehr gut zur analytischen Denk- und Arbeitsweise von Yasmin Fahimi.

Kommentare

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben