Elektronische Nase erkennt frischen Fisch am Geruch

Ein deutsch-dänisches Forschungsprojekt soll für weniger Fisch- und Fleischverschwendung sorgen. Ein neuer Riechsensor nutzt das Fäulnisgas Cadaverin als Messparameter.
Wann sind Lebensmittel noch genießbar?
Ist der Fisch noch frisch oder das Hähnchenfleisch noch genießbar? Diese Frage wird in Supermärkten oder auch zu Hause täglich gestellt. Wirft man das Lebensmittel lieber weg oder kann man sich auf das gedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum (oder Verbrauchsdatum im Fall von frischen Fleisch- und Fischprodukten) verlassen? Weltweit wird rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel weggeworfen – häufig, weil unklar ist, wie lange sie tatsächlich haltbar sind. Allein in der Europäischen Union entstehen auf diese Weise jährlich rund 59 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle. Nebenwirkungen der zu frühen Entsorgung sind hohe wirtschaftliche Verluste und zusätzlicher CO2-Ausstoß, Wasser- und Energieverbrauch.
Ob Fleisch oder Fisch noch genießbar ist, wird derzeit auf zwei Arten getestet. Entweder kontrolliert geschultes Personal mit der Nase die Haltbarkeit, oder es werden zeitaufwändige und teure mikrobiologische Analysen durchgeführt. Problem dabei: Die Ergebnisse liegen oft erst nach Tagen vor, dann ist das getestete Lebensmittel ganz sicher nicht mehr verwertbar. Bislang fehlte eine technische Lösung, die genau und schnell bestimmen kann, wie lange Fleisch und Fisch haltbar sind.
Eine neue elektronische Nase eines deutsch-dänischen Kooperationsforschungsprojekts (PRECISE) könnte dazu beitragen, unnötige Fleisch- und Fischabfälle zu reduzieren, indem sie objektivere Informationen über Produktfrische und Haltbarkeit liefert. Der Riechsensor misst spezielle Biomarker wie das Cadaverin, ein Gas, das beim Verderb von Proteinen entsteht. Das unangenehm riechende Molekül ist auch ein Bestandteil von Leichengift und trägt zum Verwesungsgeruch bei.
Problem Lebensmittelverschwendung
Roana de Oliveira Hansen, außerordentliche Professorin am Mads Clausen Institute der Syddansk Universitet (SDU) in Sonderborg/Dänemark, leitete das PRECISE-Projekt, das vor wenigen Monaten abgeschlossen wurde. Sie beschäftigt sich am Institut in Sonderborg mit der Entwicklung von Cantilever-Sensoren. Cantilever-Sensoren sind dünne, biegsame Balken, die sich verformen, wenn sich der zu messende Parameter ändert.
„Lebensmittelverschwendung ist eine der größten Nachhaltigkeitsherausforderungen unserer Zeit. Jedes Jahr werden große Mengen Fleisch und Fisch entsorgt, obwohl sie noch verzehrbar sind. Allein in der deutsch-dänischen Grenzregion Schleswig-Holstein/Syddanmark/Sjælland führt dies zu einer enormen Produktverschwendung von 48.000 Tonnen pro Jahr. Unser Projekt untersuchte, ob eine elektronische Nase eine objektivere Bewertung der Frische bieten kann, indem flüchtige Verbindungen im Zusammenhang mit Verderb gemessen werden“, erläutert Hansen.
„Die langfristige Vision ist es, Verbrauchern, Einzelhändlern, Restaurants und Lebensmittelproduzenten zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen und so unnötige Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, ohne die Lebensmittelsicherheit zu gefährden“, sagt die Forscherin zur Motivation des Projekts.
Sechs Projektpartner aus Deutschland und Dänemark
Beim deutsch-dänischen Projekt haben sechs Projektpartner an der Entwicklung der innovativen Nase mitgewirkt: die Syddansk Universitet (SDU), die Technische Hochschule Lübeck, das KIN Lebensmittelinstitut in Neumünster, das Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie ISIT in Itzehoe, die Hochschule Flensburg sowie das Startup AmiNIC in Middelfart/Dänemark. Gefördert wurde das Projekt im Rahmen des Interreg Deutschland-Danmark Programms durch Mittel der Europäischen Union in Höhe von rund 1,9 Millionen Euro. Das dreijährige Projekt wurde im März 2026 abgeschlossen. Das handliche Gerät soll nun über ein Startup künftig im Handel oder in der Gastronomie eingesetzt werden können, um die tatsächliche Resthaltbarkeit direkt vor Ort objektiv zu bewerten.
„An der SDU koordinierten wir das Projekt und trugen zur Kern-Sensortechnologie bei“, sagt Professorin Hansen. „Unsere Arbeit umfasste die Modellierung, Funktionalisierung und Kalibrierung der Sensoren; die Bewertung der Sensorleistung unter realistischen Lebensmittelbedingungen; die Analyse von cadaverinbezogenen Signalen und die Integration der Sensorplattform.“
Das Fraunhofer ISIT wiederum entwickelte, skalierte und fertigte die Mikrocantilever-Sensorelemente. KIN Neumünster und die Hochschule Flensburg lieferten mikrobiologische Analysen, sensorische Bewertungen und eine Validierung der Lebensmittelqualität. Die TH Lübeck entwickelte die künstlichen Intelligenzmodelle, die zur Interpretation der Sensordaten und zur Vorhersage der Frische verwendet werden. AmiNIC schließlich integrierte die Technologie in Handheld-Prototypen und unterstützte die Entwicklung von Hard- und Software.
„Die Partner brachten Fachwissen aus der Sensorfertigung, Lebensmittelwissenschaft, Mikrobiologie, künstlicher Intelligenz, Elektronik und Produktentwicklung zusammen. Gemeinsam deckten diese Kompetenzen die gesamte Innovationskette von der Sensorfertigung bis zur praktischen Erprobung ab“, beschreibt Hansen und lobt die internationale Zusammenarbeit bei diesem Projekt. „Als Projektleiterin schätzte ich besonders die starke Kultur des Vertrauens und der Offenheit des Konsortiums. Das Projekt zeigte, wie interdisziplinäre, grenzüberschreitende Zusammenarbeit Innovation beschleunigen und gesellschaftliche Herausforderungen wie Lebensmittelverschwendung angehen kann.“
Cadaverin: idealer Bio- und Frischemarker
Der Fokus des Riechsensors lag auf der Messung eines speziellen Biomarkers. Cavaderin (lateinisch: cadaver - Aas, Leiche, 1,5-Diamino-pentan(C5H14N2)) gehört zu den biogenen Aminen und wird während des bakteriellen Abbaus der Aminosäure Lysin produziert. Seine Konzentration kann zunehmen, wenn eiweißreiche Lebensmittel verderben, weshalb es als potenzieller Marker für die Frischeüberwachung untersucht wird. Ab dem ersten Tag der Schlachtung bzw. nach dem Fischfang entsteht Cadaverin. Während der mikrobielle Abbau fortschreitet, können sich Cadaverin und andere biogene Amine in Fleisch und Fisch ansammeln, bevor verdorbene Lebensmittel zuverlässig allein anhand des Geruchs beurteilt werden können.
Die Physikerin Hansen erklärt, warum Cadaverin genutzt wurde: „Mehrere biogene Amine können relevante Hinweise auf Lebensmittelverderb liefern. Im PRECISE-Projekt konzentrierten wir uns besonders auf Cadaverin, da es mit dem Proteinabbau assoziiert ist und in der Gasphase nachgewiesen werden kann. Das machte es zu einem interessanten Zielmolekül für unsere Sensortechnologie.“ Über einen Lüfter wird das Cadaverin in den Sensor gesaugt. Eine Elektronik bringt ihn zum Schwingen. Je nach Menge der Cadaverin-Moleküle, die am Sensor haften bleiben, verändert sich die Schwingfrequenz. Mit den gewonnenen Daten kann dann die Haltbarkeit vorhergesagt werden.
Abb. 3: Cadaverin (1,5-Diaminopentan): https://de.wikipedia.org/wiki/1,5-Diaminopentan (Wikimeida Commons, gemeinfrei)
Noch nicht marktreif
Der aktuell entwickelte Riechsensor kann Produktfrische-Indizes messen, aber aufgrund von Einschränkungen bei den Sensorelementen, Datenbanken und KI-Algorithmen arbeitet er derzeit nur für vier Arten von Fleisch-/Fischarten. Marktreif ist der Riechsensor daher noch nicht, denn es reicht nicht allein aus, sich auf das Cadaverin als Messparameter zu verlassen.
„Eine wichtige Erkenntnis aus dem Projekt war, dass Lebensmittelverderb komplexer ist als die Messung einer einzelnen Verbindung. Bei Fleischprodukten fanden wir starke Korrelationen zwischen Cadaverin-Konzentrationen, Bakterienwachstum und Produktqualität“, sagt Roana de Oliveira Hansen. „Verschiedene Lebensmitteltypen zeigten aber deutlich unterschiedliche Verderbnisprofile. Cadaverin allein reicht daher nicht immer als universeller Frischemarker aus. Wir lernten außerdem, dass eine zuverlässige Frischevorhersage die Kombination mehrerer Sensorsignale und fortschrittlicher Datenanalyse erfordert, anstatt sich auf einen einzigen Messkanal zu verlassen.“
Es gibt zudem noch weitere Faktoren, die den Sensor beeinflussen können. Zum Beispiel im Sommer oder Winter
die Umweltbedingungen wie die Temperatur, aber auch die Luftfeuchtigkeit oder der Luftdruck. „Wir haben auch festgestellt, dass es wichtig ist, dass der Sensor eine Art Umweltkompensation hat. Man muss ihn also mit allen möglichen Temperaturen, Drücken und Luftfeuchtigkeiten testen und dann den Algorithmus darauf aufbauen, um all das auszugleichen,“ betont Hansen.
Vom Forschungsprojekt zum Spin-out
Die Technologie ist noch nicht bereit für den großflächigen kommerziellen Einsatz, doch darum ging zunächst auch nicht. Im Vordergrund stand der Erkenntnisgewinn. Projektleiterin Hansen blickt voraus: „PRECISE hat die wissenschaftliche und technologische Machbarkeit des Konzepts demonstriert und eine solide Grundlage in Sensortechnologie, Datenanalyse und Prototypenentwicklung geschaffen. Der nächste Schritt ist, die Technologie gemeinsam mit kommerziellen Partnern weiterzuentwickeln, mit dem langfristigen Ziel, praktische Anwendungen auf den Markt zu bringen.“
Die Ergebnisse von PRECISE bieten nun eine gute Grundlage für Folgeaktivitäten und mögliche Kommerzialisierungswege. Eine Initiative für die Weiterentwicklung ist der geplante OneNose-Spinout, der darauf abzielt, die Sensorplattform weiter zu optimieren und Anwendungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Lebensmittelqualitätsüberwachung zu erforschen. Zukünftige Anwendungen könnten die beispielsweise die Frischebewertung und andere elektronische Nasenanwendungen über Lebensmittelprodukte hinaus umfassen.

Quellen
- Chemie.de-Newsletter: https://www.chemie.de/news/1189841/elektronische-nase-erkennt-ob-fleisch-und-fisch-noch-geniessbar-sind.html?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=chemde--2026-09-14--2&mtm_group=chemde&WT.mc_id=ca0259
- Forschungsprojekt PRECISE: Elektronische Nase gegen Lebensmittelverschwendung – Lübecker-Online-Magazin seit 1999
- Wissenschaftliche Veröffentlichungen am Mads Clausen Institute der Syddansk Universitet (SDU): https://precisesensor.eu/2025/01/08/new-publication2025/






Kommentare
Keine Kommentare gefunden!