Moleküle wie Melodien

Nuno Maulide ist organischer Chemiker und Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2018. Was er eigentlich mal werden wollte, was er in der Forschung noch erreichen will und wie ihn seine Familie und die Musik dabei inspirieren.
Nuno Maulide forscht an stereoselektiver Synthese organischer Verbindungen und der Synthese biologisch aktiver Moleküle. Er hat unter anderem eine neue Synthesemethode für 1,4-Dicarbonyle entwickelt, mit denen sich Krebsmedikamente herstellen lassen. Maulide forscht mit seiner Gruppe am Institut für Organische Chemie der Universität Wien und ist bekannt dafür, unkonventionelle Reaktionen zu konzipieren, die klassische Regeln der organischen Synthese auf den Kopf stellen und effiziente umweltfreundliche Wege zu komplexen Molekülen eröffnen. Sein Ziel ist es, diese Moleküle in weniger Schritten, mit höherer Selektivität oder unter milden Bedingungen herzustellen. Das ist nachhaltiger und spart Zeit und Ressourcen – wichtig für Wirkstoff- und Materialentwicklung.
Pianist, Mediziner oder Chemiker?
Beinahe wäre Maulide gar nicht in der Chemie gelandet. Er wollte eigentlich Pianist werden. „Im Alter von 17 Jahren stand für mich fest, dass ich Konzertpianist werden will – gegen den Willen meiner Familie. … [Ihr] zuliebe habe ich mich neben der musikalischen Ausbildung an der Musikuniversität für ein Medizinstudium in Lissabon beworben“, erzählte Maulide kürzlich in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard. „Letztlich verfehlte ich die Aufnahme für das Medizinstudium trotz meines passablen Notendurchschnitts um wenige Kommastellen. Wie es das Schicksal wollte, war Chemie mein – zugegeben willkürlich gewählter – Zweitwunsch.“ Also wurde er Chemiker. Klavier spielt er seitdem weiter semiprofessionell.
Seit seinem Chemiestudium liegt es Maulide am Herzen, Wissen zu vermitteln. „Wir sollten versuchen, auch jene Personen für Wissenschaft zu begeistern, die damit noch nicht viel anfangen können“, sagt er im Gespräch mit dem Autor. Selbst tut er das nicht nur während seiner Vorlesungen. Beispielsweise gibt er in der Youtube-Serie Inside Chemistry: Chemie ist alles Einblicke in die Welt der Chemie, hält öffentliche Vorträge in der Kinderuniversität oder bei der Wiener Vorlesung: Die Kunst der Wissenschaft. In seinem Heimatland Portugal engagierte er sich auch an Schulen. Maulides erstes Buch Como se transforma ar em pão – wie sich Luft in Brot verwandelt – aus dem Jahr 2021 ist in Portugal ein Bestseller. Dadurch wurden Gymnasien und Fachhochschulen auf ihn aufmerksam, kontaktierten ihn mit der Bitte, Schüler:innen und Studierende für die Wissenschaft zu begeistern. „Ich hätte eine Busrundreise von Schule zu Schule zu Schule machen können,“ lacht Maulide. „Stattdessen entschied ich mich aus zeitlichen Gründen für Online-Fragerunden. Und dann habe ich über zwei Jahre jede einzelne Woche einen Video-Termin mit einer Schule in Portugal gehabt. Dann bin ich Papa geworden und habe dieses Projekt beendet. Aber diese Zeit war sehr bereichernd – für beide Seiten, denke ich.“
Von Lissabon nach Wien
Von Lissabon führte Maulides Weg in die Schweiz und dann an die Universität Louvain im französischsprachigen Teil Belgiens, wo er im Jahr 2007 eine Promotion begann. „In der Gruppe von Prof. István Markó zu forschen, war eine sehr gute Erfahrung. Das hat mein Leben verändert“, sagt Maulide. Weil er schon immer neugierig auf Amerika war, ging es im Anschluss für ihn als Postdoc nach Stanford. „Diese Erfahrung war wichtig und gut, aber die zwölf Monate in den USA haben mehr als gereicht. Ich war froh, zurück nach Europa zu kommen. Ich habe damals klar für mich festgestellt – aus tausenden verschiedenen kulturellen Gründen –, dass die USA kein Land sind, in dem ich mir vorstellen kann, langfristig zu leben.“
Von 2009 bis 2013 war Maulide am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr tätig, was er selbst als einen Höhepunkt seiner Karriere bezeichnet. „Diese Stelle als Max-Planck-Gruppenleiter war wie ein Sechser im Lotto. Ich wusste, ich bin privilegiert, dass ich diese Chance wahrnehmen kann. Ich bin dort angekommen und es gab kein Misstrauen. Da waren einfach neugierige Menschen. Innerhalb von relativ kurzer Zeit habe ich dann eine sehr erfolgreiche Forschungsgruppe aufgebaut.“
Von Mülheim ging Maulide nach Wien. Dabei bedeutete vor allem das konservative Umfeld an der Universität wieder eine Umstellung. „Da gab es anfangs Vorbehalte: Warum bekommt dieser Portugiese mit 33 Jahren diesen wichtigen Lehrstuhl? Viele dachten, der Maulide bleibt sowieso nur vier, fünf Jahre, der hat keine Lust, Deutsch zu lernen“, erinnert er sich an seinen vorurteilsbelasteten Start in Wien. „Der will auch nicht lehren, hieß es. Und er will nur ausländische Studierende einstellen und hat kein Interesse an den Studierenden unserer Uni.“ Davon ließ sich Maulide allerdings nicht entmutigen: „Ich unterrichte seit zehn, elf Jahren, mittlerweile auch auf Deutsch. Ich weiß das Talent der Studierenden zu schätzen und will deshalb auch Deutschsprachige früh im Studium für organische Chemie begeistern.“
Groß denken
Offenheit, Motivation und ungeschönte Ehrlichkeit sind ihm im Forschungsalltag wichtig: „Wenn sich ein talentierter Doktorand nicht weiterentwickelt, dann muss ich ihm das auch sagen. Aber ich hasse es, wenn es persönlich wird. Wissenschaft ist keine Liebesgeschichte“, sagt Maulide, der mittlerweile ein Team von 33 Forschenden aus zwölf Ländern leitet. Maulide motiviert seine Mitarbeitenden, groß zu denken: „Wir peilen in der Regel Veröffentlichungen in den Journalen Science und Nature an, auch wenn es uns dann nicht immer gelingt. Damit öffnen wir unseren Blick, sind kritisch gegenüber unserer eigenen Arbeit und hinterfragen alles.“
Ob es überhaupt noch etwas Neues zu entdecken gäbe, dürfe man sich nie fragen. Maulide ist überzeugt: „Es gibt noch viel zu erforschen, gerade in der Chemie. Ich würde gerne unvorstellbare Reaktionen entdecken, die andere komplett verblüffen, sodass sie sich fragen, wie wir das gemacht haben und warum bisher niemand daran gedacht hat. Das sind für mich die allerbesten Veröffentlichungen.“
Als Kreativbooster nutzt Maulide auch die Musik. Er findet, dass Chemie und Musik gut zusammenpassen: „Es gibt Moleküle, die mich an bestimmte Musikstücke erinnern. Moleküle können wie Melodien zunächst banal wirken, zeichnen sich bei genauer Analyse aber durch viele kleine Details aus. Vor allem die organische Chemie ist sehr ästhetisch – wie Kunst eben.“
Kreative Babypause
Derzeit steht die Forschung bei Maulide allerdings nicht im Vordergrund, denn er macht Babypause. Im Jahr 2024 wurde er Vater von Zwillingen. „Ich habe mich entschieden, dass ich diese Kinder wirklich unterstützen, ein präsenter Papa sein will. Die Chemie geht weiter, und Familie ist etwas ganz Wichtiges.“ Allerdings wäre Maulide nicht Maulide, wenn er die Nächte mit wenig Schlaf nicht auch für seine Forschung nutzen würde: „Ich schlafe, wenn überhaupt, fragmentiert drei bis vier Stunden pro Nacht. Ich bin dann im Zimmer mit den Kindern, damit meine Frau sich ein bisschen erholen kann.“ Da gebe es viele monotone Aufgaben, wie die Kinder mit der Milchflasche zu füttern, sagt Maulide. „Ich schaue die Babys dabei an, und das sind die besten Momente für Kreativität. Die besten Ideen sind mir gekommen, als ich halb Zombie, halb gelangweilt, einfach in einer statischen Situation über Forschung nachgedacht habe.“
Für Chemie begeistern
Im Jahr 2020 erschien Maulides Buch Die Chemie stimmt! – Eine Reise durch die Welt der Moleküle, das er zusammen mit der Wissenschaftsjournalistin Tanja Traxler aus Österreich verfasst hat. Darin zeigt er, wie Chemie uns täglich begleitet – vom Apfel bis zur Tiefkühlpizza, von Vitaminen bis zu Medikamenten, und wie die Chemie helfen kann, aktuelle Probleme wie Klimawandel, Welternährung und Ressourcenknappheit zu lösen.
Maulide sieht sich und seine Mitforschenden in der Verantwortung als Botschafter: „Wir müssen den Menschen auf der Straße erklären, was wir machen – in einer Sprache, die sie verstehen und die sie begeistert. Das Tollste für mich ist, wenn ich bei Personen, die null Ahnung von Chemie haben, dieses Aha-Gesicht der Faszination und des Verstehens sehe, das ist richtig cool.“

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit den Nachrichten aus der Chemie.




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